EIN DIGITALER SCHATTEN IHRER SELBST
Ein perfektes Bild zu machen sei leicht geworden, sagt
Frederike Helwig. Makel beim Licht, in der Geste, auf der
Haut, im Hintergrund koennen direkt im Studio bemerkt
und beseitigt werden. Perfektion, frueher Resultat von
sorgfaeltigem Aufbau und einem Hauch von Glueck/Ta-
lent/Genie, ist zur Massenware geworden.
Die Bilder, die sie jetzt in der Galerie fuer
Moderne Fotografie ausstellt, sind alles andere als per-
fekt. Sie zeigen ein sehr huebsches Maedchen (Alex) in
Klamotten der Spring/Summer 2010 Kollektionen (Lavin,
Marc Jacobs, Chloe, etc.), und sie wurden urspruenglich
fuer die britische Modezeitschrift Lula angefertigt. Da
hoert die Normalitaet bereits auf. Die Fotos sind pixe-
lig, unscharf, in sich verschoben. Neben dem Model ein
digitaler Schatten ihrer selbst. Teile des Bildes loesen sich
in Farbflaechen auf. Eine Bewegungsstudie wie bei der
Experimentalfotografie der Surrealisten. Und einmal sieht
man die Menueleiste des Kommunikationsdienstes Skype
in der Mitte des Bildes.
Dieser Stoerer, wenn man ihn so betrachten will,
hat scheinbar die gleiche narrative Funktion wie bei tradi-
tioneller Fotografie ein Bild, das Hintergrund, Stative und
Fotoassistenten zeigt. Waehrend jedoch das Motiv „Werk-
statt“ stets genauso akribisch erzeugt wurde wie das Motiv
„Makellosigkeit“, ist der Skype-Stoerer ein wirkliches
Zeugnis der Produktionsbedingungen. Er repraesentiert
damit das unbemueht Radikale an dieser Serie.
Weil „Lula“ ein sehr schmales Budget zur Verfuegung
stellte (Medienkrise etc.), das keine Transatlantikfluege
erlaubte, arrangierte Helwig das Shooting ein wenig
anders. Das Model posierte vor einem aufgeklapptem
Laptop in New York. Die Fotografin gab ihr ueber Skype
Anweisungen, was sie tun sollte, waehrend sie gleichzei-
tig die Bilder auf ihrem Computerbildschirm in London
sah und mit einer Mittelformatkamera abfotografierte.
„Ich habe mit ihr gearbeitet, wie ich das sonst auch tue“,
sagt Helwig. Und ihre Aufnahmen sind scharf, hochauf-
loesend, „professionell“. Die Bildquelle allerdings ist die
fehlerhafte, zeitverzoegerte Skype-Optik. Hier treffen
sich also zwei Welten: Modefotografie und die schrottige
Unmittelbarkeit der Digitalmoderne. Als haetten zwei
technikaffine Freundinnen mal eben ueber den Atlantik
hinweg „Verkleiden“ gespielt.
„Skype ist unmenschlich“, sagt Helwig: „Wenn mein drei-
jaehriger Sohn mit seinen Grosseltern skypt, dreht er nach
ein paar Minuten durch. Das Medium suggeriert mensch-
lichen Kontakt, wo keiner ist“. Als Fotografin allerdings
hat sie die sich oeffnenden Moeglichkeiten genutzt. Die
Bilder die sie in der Galerie fuer moderne Fotografie
zeigt (einige davon als Poster vervielfaeltigt, als Bonus-
track gibt es ein kongeniales Video) sind keineswegs ihre
Antwort auf den zunehmenden wirtschaftlichen Druck.
Sondern sie wagt einen in ihrer Branche kuehnen Schritt,
der wegfuehrt von der jedem verfuegbaren Perfektions-
maschinerie und zurueck zu dem rohen Stil, wie er etwa
das britische Magazin i-D jahrelang praegte, das lange
auch Helwigs aesthetische Heimat war. Indem sie die
Moeglichkeiten moderner Kommunikation bis zum Ende
auslotet, haucht sie dieser wieder Leben ein.
Frederike Helwigs Serie knuepft an die Arbeit
von Thomas Ruff an, seine pornografischen, ins fast un-
kenntliche verpixelten Bilder aus dem Internet und seine
kuerzlich als Buch erschienene jpg.Serie.
Doch ihre Fotos sind frei von jeder Praetention,
mehr Kunst sein zu wollen, als sie sind. Es sind stattdes-
sen ziemlich perfekte Modefotos, weil sie nicht nur Inter-
esse an und Begehren auf ein Maedchen und ihre Kleider
wecken, sondern weil sie mit intellektuellen Witz und
visueller Neugier produziert wurden und also eine Welt
vorfuehren, wie man sie noch nicht gesehen hat. Oder wie
man sie eben schon sehr oft gesehen hat, aber nie auf die
Idee kam, dass im Datenmatsch Schoenheit steckt.
text: adriano sack
Frederike Helwig. Makel beim Licht, in der Geste, auf der
Haut, im Hintergrund koennen direkt im Studio bemerkt
und beseitigt werden. Perfektion, frueher Resultat von
sorgfaeltigem Aufbau und einem Hauch von Glueck/Ta-
lent/Genie, ist zur Massenware geworden.
Die Bilder, die sie jetzt in der Galerie fuer
Moderne Fotografie ausstellt, sind alles andere als per-
fekt. Sie zeigen ein sehr huebsches Maedchen (Alex) in
Klamotten der Spring/Summer 2010 Kollektionen (Lavin,
Marc Jacobs, Chloe, etc.), und sie wurden urspruenglich
fuer die britische Modezeitschrift Lula angefertigt. Da
hoert die Normalitaet bereits auf. Die Fotos sind pixe-
lig, unscharf, in sich verschoben. Neben dem Model ein
digitaler Schatten ihrer selbst. Teile des Bildes loesen sich
in Farbflaechen auf. Eine Bewegungsstudie wie bei der
Experimentalfotografie der Surrealisten. Und einmal sieht
man die Menueleiste des Kommunikationsdienstes Skype
in der Mitte des Bildes.
Dieser Stoerer, wenn man ihn so betrachten will,
hat scheinbar die gleiche narrative Funktion wie bei tradi-
tioneller Fotografie ein Bild, das Hintergrund, Stative und
Fotoassistenten zeigt. Waehrend jedoch das Motiv „Werk-
statt“ stets genauso akribisch erzeugt wurde wie das Motiv
„Makellosigkeit“, ist der Skype-Stoerer ein wirkliches
Zeugnis der Produktionsbedingungen. Er repraesentiert
damit das unbemueht Radikale an dieser Serie.
Weil „Lula“ ein sehr schmales Budget zur Verfuegung
stellte (Medienkrise etc.), das keine Transatlantikfluege
erlaubte, arrangierte Helwig das Shooting ein wenig
anders. Das Model posierte vor einem aufgeklapptem
Laptop in New York. Die Fotografin gab ihr ueber Skype
Anweisungen, was sie tun sollte, waehrend sie gleichzei-
tig die Bilder auf ihrem Computerbildschirm in London
sah und mit einer Mittelformatkamera abfotografierte.
„Ich habe mit ihr gearbeitet, wie ich das sonst auch tue“,
sagt Helwig. Und ihre Aufnahmen sind scharf, hochauf-
loesend, „professionell“. Die Bildquelle allerdings ist die
fehlerhafte, zeitverzoegerte Skype-Optik. Hier treffen
sich also zwei Welten: Modefotografie und die schrottige
Unmittelbarkeit der Digitalmoderne. Als haetten zwei
technikaffine Freundinnen mal eben ueber den Atlantik
hinweg „Verkleiden“ gespielt.
„Skype ist unmenschlich“, sagt Helwig: „Wenn mein drei-
jaehriger Sohn mit seinen Grosseltern skypt, dreht er nach
ein paar Minuten durch. Das Medium suggeriert mensch-
lichen Kontakt, wo keiner ist“. Als Fotografin allerdings
hat sie die sich oeffnenden Moeglichkeiten genutzt. Die
Bilder die sie in der Galerie fuer moderne Fotografie
zeigt (einige davon als Poster vervielfaeltigt, als Bonus-
track gibt es ein kongeniales Video) sind keineswegs ihre
Antwort auf den zunehmenden wirtschaftlichen Druck.
Sondern sie wagt einen in ihrer Branche kuehnen Schritt,
der wegfuehrt von der jedem verfuegbaren Perfektions-
maschinerie und zurueck zu dem rohen Stil, wie er etwa
das britische Magazin i-D jahrelang praegte, das lange
auch Helwigs aesthetische Heimat war. Indem sie die
Moeglichkeiten moderner Kommunikation bis zum Ende
auslotet, haucht sie dieser wieder Leben ein.
Frederike Helwigs Serie knuepft an die Arbeit
von Thomas Ruff an, seine pornografischen, ins fast un-
kenntliche verpixelten Bilder aus dem Internet und seine
kuerzlich als Buch erschienene jpg.Serie.
Doch ihre Fotos sind frei von jeder Praetention,
mehr Kunst sein zu wollen, als sie sind. Es sind stattdes-
sen ziemlich perfekte Modefotos, weil sie nicht nur Inter-
esse an und Begehren auf ein Maedchen und ihre Kleider
wecken, sondern weil sie mit intellektuellen Witz und
visueller Neugier produziert wurden und also eine Welt
vorfuehren, wie man sie noch nicht gesehen hat. Oder wie
man sie eben schon sehr oft gesehen hat, aber nie auf die
Idee kam, dass im Datenmatsch Schoenheit steckt.
text: adriano sack


